Ratten der Lüfte

 

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass Tauben "die Ratten der Lüfte" seien und Krankheiten verbreiten würden.

Tatsache ist, dass ich keinen einzigen Menschen kenne, der von einer Taube mit einer Krankheit infiziert wurde. Eine Übertragung von Krankheiten ist nur bei bestimmten Erregern und bei besonders engem Kontakt mit den Tieren überhaupt denkbar. Kein Mensch bekommt eine Taubenkrankheit, wenn er auf der Straße zufällig an einer pickenden Stadttaube vorüber geht. Selbst ich als jahrelange Taubenpflegestelle für Intensivpflegefälle habe mich noch nie bei einer kranken Taube angesteckt!

Wenn Sie sich nach einem Kontakt mit einer Taube die Hände gründlich mit viel Seife und möglichst heißem Wasser waschen, brauchen Sie keine Angstzustände wegen potentieller Gesundheitsgefährdung zu bekommen.

Tatsache ist auch, dass Tauben sich leider leicht gegenseitig mit taubenspezifischen Krankheiten anstecken können, die von den schlechten Lebensbedingungen auf der Straße herrühren. Wie Obdachlose müssen sie sich von weggeworfenen Nahrungsresten der Bürger ernähren. Eine Nahrung, für die ihr Verdauungstrakt gar nicht ausgelegt ist. Kein Wunder, wenn sie dann Salmonellen bekommen, oder?

Und warum Firmen für Schädlingsbekämpfung Tauben in glühendsten Farben als Krankheitsüberträger schildern, steht wohl außer Frage: Sie leben von dem Geschäft mit der Taubenbeseitigung. Hätte niemand mehr Angst vor Tauben, so würden ihre Einnahmen leiden. Jeder Geschäftsmann ist aber auf maximalen Gewinn aus.

Stadttauben sind nach meiner Erfahrung übrigens meist ungezieferfrei. Ungezieferbehaftete Tauben bekam ich fast immer aus Brieftaubenbeständen zur Pflege, weil in unkontrollierter Massenhaltung auf engem Raum leichter ein allgemeiner Befall auftritt als bei verstreut in der Natur lebenden Tieren. Außerdem leuchtet es ein, dass sich in massenhafter Haltung durch den engen Kontakt der Tiere untereinander auch die Verbreitung wesentlich leichter fortentwickelt. Anscheinend kontrollieren Züchter ihre Tiere oft nicht auf Ungezieferbefall oder es ist ihnen egal, ob es die Tiere juckt und nervt.

Tauben, die zu uns in Pflege kommen, werden grundsätzlich erst einmal in Quarantäne genommen und gegen alle in Betracht kommenden Taubenkrankheiten behandelt. Sie werden entwurmt und gegen Kokzidien, Salmonellen, Chlamydien und Trichomonaden behandelt. Auch eine Behandlung gegen Ungeziefer findet bei jedem Einzeltier statt, ehe es in die Gruppe zu den anderen Tauben darf. Wir behandeln dabei sowohl gegen blutsaugende Lästlinge als auch gegen von Federsubstanz lebendes Ungeziefer. Hierfür sind zwei unterschiedliche Präparate notwendig, die aber wegen ihrer Giftwirkung unbedingt vom Fachmann angewendet werden sollten.

Wir sind totale Gegner von Taubenvergrämungsmaßnahmen wie Taubenspikes, Taubenabwehrnetzen etc., da davon eine (mitunter tödliche) Verletzungsgefahr ausgeht.  Stattdessen empfehlen wir den Städten und Gemeinden, regelmäßig gereinigte Taubenschläge zu errichten und dort nötigenfalls auch Behandlungen gegen Ungeziefer und Krankheiten vorzunehmen. Auch der Austausch von gelegten Eiern gegen Gips- oder Kunststoffeier ist unverzichtbar, da sich die Taubenpopulation nur so auf einem konstanten Level halten lässt.

Das Töten von Stadttauben zur Populationsverringerung halten wir für moralisch verwerflich. Obendrein nützt es wenig, da,. sobald Reviere frei geworden sind, Tauben von außerhalb spitz bekommen, dass hier und da ein Plätzchen frei ist, und sich in den leer gewordenen Revieren neu ansiedeln. Ein Leben ohne Tauben in den Städten gibt es also nicht, wohl kann man aber einen kontrollierten Bestand dulden. Jeder Taubenfeind sollte sich erst mal wirklich mit dem ganz bezaubernden Wesen zahmer Tauben befassen, ehe er, mit den Wölfen heulend, Hass-Parolen verbreitet.

Sollte jemand gerade ein akutes Problem mit Tauben (Brüten auf dem Balkon oder ähnliches) haben, bitte anrufen. Wir helfen auch hier! Und zwar kostenlos und tierschutzgerecht.

Türekentaubenkind Arzu wurde gerade mit Eifutterbrei gefüttert. Sie wurde von Krähen aus dem Nest gestürzt  und verletzt. Ihre mitleidigen Finder brachten sie zu uns. Gerettet!